JIU JITSU IST

 

GESCHICHTE DES JIU JITSU

 

Jiu Jitsu in Japan

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Jiu Jitsu in Europa

Jiu Jitsu in Japan

Nach dem Ende der "Tokugawa-Periode" (1603-1868), in der Japan sich gegen alle ausländischen Einflüsse verschloß, wurde es in der folgenden "Meiji-Periode" (1868-1912) vor allem durch amerikanischen Druck gezwungen, sich dem Westen zu öffnen. Der Widerstand gegen alles Fremdländische hielt nicht lange an, und es galt bald als modern, der westlichen Lebensart und Wissenschaft nachzueifern. Die eigene Kultur, darunter auch die Budo-Künste, gerieten in zunehmendem Maße in Vergessenheit.

Erst geheimer Hofrat Dr. med. Erwin Otto Eduard von BAELZ lenkte die Aufmerksamkeit seiner Studenten, die ihn hoch verehrten, wieder auf die alten Künste, indem er selbst bei Sensei TOTSUKA in Jiu Jitsu Unterricht nahm.
Dr. BAELZ war Professor für Medizin an der kaiserlichen Universität von Tokyo und Leibarzt des japanischen Kaisers und dessen Familie.

Unter den Studenten von Dr. BAELZ war ein gewisser Baron JIGORO KANO. Dieser hatte schon in seiner Jugend einige Jiu Jitsu Kenntnisse gesammelt und wurde von Dr. BAELZ in seinem Interesse bestärkt. Kano schloß die damals noch bestehenden 5 bis 6 Systeme zu einem System zusammen, welches unter dem Namen KANO JIU JITSU eingeführt und allgemein anerkannt wurde.

Über die Geschichte und Entstehung des Jiu Jitsu gibt es mehrere Legenden. Eine davon lautet so:

Ein japanischer Arzt, AKIJAMA SHIROBEI YOSHITOKI machte auf seiner Studienreise durch China auch in einigen buddhistischen Klöstern Halt. In einem davon wurde er auf eine Selbstverteidigungskunst aufmerksam gemacht, welche die Mönche dort entwickelt hatten. Er blieb längere Zeit und eignete sich diese Griffe und Tricks an. Zurück in Japan mußte er bei deren praktischer Erprobung aber feststellen, daß zu ihrer Ausführung größere Körperkraft notwendig war und die Techniken somit in dieser Form kaum ausgeführt werden konnten. Eines Wintertages beobachtete er in seinem Garten folgendes Geschehen:

Der schwere, nasse Schnee brach bei einem spröden Kirschbaum durch seinen Druck viele Äste ab. Auf einer biegsamen Weide jedoch glitt der Schnee ab und die Weide richtete sich unverletzt wieder auf. Aus dieser Beobachtung leitete der Arzt das Prinzip "Siegen durch Nachgeben" ab und stellte seine Kunst auf diese neue Philosophie ein. Er gab ihr den Namen Jiu Jitsu - die "sanfte Kunst".

Eine andere Legende beschreibt geh. Hofrat Dr. Erwin BAELZ, der das Vorwort zu dem Werk "KANO JIU JITSU" von Baron JIGORO KANO schrieb:

" Es finden sich nur gelegentlich Andeutungen, die den Eindruck erwecken, daß Jiu Jitsu eine Jahrtausende alte japanische Spezialität sei. Das ist aber ganz falsch. Denn diese Kunst ist weder rein japanischen Ursprungs, noch ist sie auch nur annähernd so alt, als man uns glauben machen will. Zunächst ein paar Worte über Sinn, die Aussprache und Schreibweise des Ausdrucks Jiu Jitsu.

Jiu Jitsu heißt die sanfte oder milde Kunst. Es hat diesen Namen, weil es befähigen soll, ohne Waffen einfach durch geschickte Griffe und Kniffe einen Bewaffneten zu bezwingen, oder einen an Körperkraft überlegenen Angreifer unschädlich zu machen, ja zu töten. Die Gymnastik des Jiu Jitsu war also ursprünglich nicht Selbstzweck, wie andere gymnastische Systeme, sondern war eine höchst wertvolle Selbsthilfe in einer Zeit, wo es in Japan eine halbe Million selbstbewußter Zweischwertmänner mit übertriebenem Standesbewußtsein gab, die nur zu leicht in Versuchung kamen, ihre Fechtkunst und die Schärfe ihrer Klingen zu probieren.

Im modernen Japan ist das anders. Da ist der Bürger vor einem Angriff ebenso sicher wie im bestgeordneten Staate Europas. Daher wird dort Jiu Jitsu als ernstes Kampfmittel hauptsächlich den Polizisten und neuestens den Soldaten gelehrt, und zwar lernen diese natürlich auch die lebensgefährlichen Griffe und Kniffe, die nicht in Betracht kommen, wo Jiu Jitsu nur als Gymnastik betrieben wird, wie in den Schulen und wie in der von Kano selbst geleiteten Anstalt. Durch die gefährlichen Tricks wird den Gegnern der bei uns neuen Kunst, wie es die Vertreter der bisherigen Ringkunst und anderer Sportsysteme naturgemäß sind, eine Waffe in die Hand gegeben. So konnte es kommen, daß in einer großen Zeitung Berlins jemand, dessen Urteil durch "keinerlei Sachkenntnis" getrübt war, Jiu Jitsu eine wüste Prügelei nannte, während es doch auf Gottes Erden kein Athletensystem gibt, auf welches das Wort Prügelei weniger paßt. Denn Selbstbeherrschung und "Gentleman"-haftes Benehmen zeigen dieselbe Ruhe und Würde - ob Sieger oder Besiegter. Das sind Dinge, die dem Jiu Jitsu Schüler vom ersten Tag an als Grundbegriffe beigebracht werden.

Was nun den Ursprung von Jiu Jitsu betrifft, so ist es ein Märchen, wenn in der englischen Ankündigung von "Kano Jiu Jitsu" gesagt wird, diese Kunst werde seit 2.500 Jahren in Japan praktiziert. In Wahrheit ist dieselbe, wie fast alles in Japan, chinesischen Ursprungs und außerdem relativ neuen Datums. Um das Jahr 1650 lebte im Stadtteil Asakusa in Tokyo (damals Jedo genannt) ein Chinese namens Tsin Gempin. Dieser erzählte drei japanischen herrenlosen Samurai ("Ronin") von einer Kunst in China, durch welche man ohne Waffen andere überwältigen und Verbrecher verhaften könne. Er beschrieb ihnen diese Kunst und auf diese Beschreibung gründeten diese drei Männer - Fukues, Fsome und Minra - das System, welches sie Jiu Jitsu nannten.

Die Bestimmtheit dieser Daten ist eine Gewähr für ihre Wahrscheinlichkeit und sie wurden auch früher nicht bezweifelt. Aber neuerdings ist es dem Nationalstolz vieler Japaner unbequem, daß Jiu Jitsu von auswärts gekommen sein soll und daher ignorieren sie diese Tatsache einfach, oder sie gleiten darüber hinweg. Auf alle Fälle aber dürfen die Japaner es für sich in Anspruch nehmen, daß sie allein Jiu Jitsu zu seiner heutigen Höhe gebracht haben.

Die neue Kunst verbreitete sich in den letzten Jahrhunderten rasch unter den Samurai. Sie hat aber im nationalen Leben nie eine solche Rolle gespielt, wie die Wettkämpfe der eigentlichen Ringer (deren System von Jiu Jitsu völlig verschieden ist) und deren Preisringen im Januar und Juni im Ekointempel in Tokyo heute wie in alter Zeit ein großes Ereignis für die Hauptstadt bilden.

Im Anfang der modernen Aera, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, machte Japan eine sonderbare Periode der Verachtung alles Einheimischen und Eigenen durch. Alles Fremde wurde blind bewundert und nachgeahmt. Alles bisherige, Japanische, als Plunder betrachtet. Die eigene Geschichte und Religion, die eigene Kunst erschienen nicht der Rede wert, ja man schämte sich ihrer. Fragte man nach wichtigen geschichtlichen Tatsachen, so erhielt man nicht selten die Antwort "Das hat kein Interesse. Die japanische Geschichte beginnt erst jetzt!" Alle körperlichen Übungen, Schwertfechten, Jiu Jitsu wurden in den Bann getan. Die damals junge Generation und auch ihre Lehrer hatten für nichts Sinn, als für das Lernen der europäischen Wissenschaft. Die Studenten an der kaiserlichen Universität waren dürftige, schlecht genährte und überanstrengte Jungen, die in ihrer Wißbegier oft buchstäblich ganze Nächte durcharbeiteten und sich keinerlei körperliche Ruhe oder Übung gönnten. Meine Bemühungen bei den Behörden um Errichtung eines Turnplatzes und einer Turnhalle waren vergeblich. Das nationale Schwertfechten, das ich empfahl, wurde als roh und (weil man gelegentlich schmerzhafte Hiebe auf den Kopf bekam), gefährlich zurückgewiesen.

Erst als ich, um diese Vorurteile zu entwaffnen, selbst bei einem berühmten Fechtlehrer Unterricht nahm und dies in den Zeitungen bekannt wurde, erwachte das Interesse für das alte Fechten wieder. Denn wenn ein Fremder, und noch dazu der Professor der Medizin an der damals einzigen Universität des Landes, ein Jünger dieser Kunst wurde, so konnte sie in den Augen des Westens weder barbarisch noch gesundheitsgefährlich sein. Um diese Zeit war es auch, daß ich zuerst die Bekanntschaft mit Jiu Jitsu machte. Es war bei einem Besuch in der Provinzstadt Tshiba. Als beim Gouverneur die Rede auf die moderne Erziehung kam, klagte ich über den Mangel an Interesse für jeden Sport unter der schwächlichen Jugend der höheren Stände.

Der Gouverneur war ganz meiner Ansicht und er bedauerte namentlich, daß eine vortreffliche, früher in Japan vielgeübte Kunst, nämlich Jiu Jitsu so ganz außer Gebrauch gekommen sei. Es werde eigentlich nur noch in seiner Stadt gepflegt, wo ein alter Lehrer TOTSUKA seine Polizisten darin unterrichtet, die ganz Erstaunliches leisteten und bei Verhaftungen von Verbrechern den größten Vorteil davon hätten.

Er veranstaltete am nächsten Tag eine große Vorstellung, wobei der über 70-jährige TOTSUKA zuerst die Prinzipien von Jiu Jitsu auseinandersetzte und die einzelnen Griffe vormachte. Ich sah dutzende von Wettkämpfen und die Leistungen waren erstaunlich. Es wurden scheinbar so halsbrecherische Griffe, Bewegungen und Würfe ohne den geringsten Schaden für die Kämpfenden ausgeführt, daß ich mir sagte, hier sei eine ideale Form der Gymnastik für meine Studenten. Aber wieder hatte ich in Tokyo kein Glück. Der Direktor der Medizinschule, der die Sache nur vom "Hörensagen" kannte und die anderen Herren an der Universität und im Unterrichtsministerium wollten von meinem Vorschlag, die Jiu Jitsu-Leute von Tshiba zu einer Vorstellung nach Tokyo zu rufen, nichts wissen. Die Studenten - meinten sie - seien zur geistigen Arbeit da. Eine Kunst, die in früherer Zeit, wo man sich gegen Bewaffnete zu schützen hatte, berechtigt war, habe jetzt keinen Zweck mehr. Auch meine Bemerkung, daß es sich ja nur um die gymnastische Seite der Sache handle, fruchtete nicht.

Aber inzwischen hatten doch auch einige Aktive und frühere Studenten der Universität Jiu Jitsu aufgenommen und namentlich der junge Gelehrte Kano wurde sein eifrigster Apostel. Als auch er und seine Genossen baten, daß die Universität die Jiu Jitsu Männer aus Tshiba kommen lassen möge, wurde endlich willfahren und es fand ein großes Wettringen in der Aula der Universität statt. Dabei zeigte sich freilich auch, wieviel Übung die Erlernung der Kunst forderte.

Denn von allen jungen Männern in Tokyo war keiner dabei, auch Kano nicht, der ein "Match"' gegen irgendeinen der Polizeioffiziere gewinnen konnte.

Tags darauf kam der alte TOTSUKA mit seinem besten Schüler Gato zu mir, um mir für meine Bemühungen zu danken und mich um ein Bild zu bitten, das er bis ans Ende seines Lebens verehren werde. Ich sehe noch heute vor mir den ehrwürdigen Greis, wie er mit Tränen der Freude und Rührung in den Augen vor mir stand. Es sei zwar beschämend für ihn als Japaner, sagte er, daß ein Ausländer seinen Landsleuten habe sagen müssen, was sie an Jiu Jitsu haben. Aber er wisse doch jetzt, daß die geliebte Kunst wieder zu Ehren kommen werde und so könne er in Frieden zur Grube fahren."

Allerdings wird von einigen japanischen Historikern auch eine etwas bodenständige japanische Entstehung des Jiu Jitsu angeführt. Dafür gibt es folgende Hinweise:

So ist in der Chronik Japans, der NIPPON-SHOKI, die im Jahre 720 n. Chr. nieder-geschrieben wurde, von einem Turnier die Rede, das im 7. Jahr der Regierung des Kaisers SUININ stattgefunden haben soll. Das entspräche dem Jahr 320 v. Chr. Bei diesem Turnier handelte es sich um einen waffenlosen Kampf, der in seinen Einzelheiten jedoch nicht weiter beschrieben ist. Es ist daher unklar, ob die angewendeten Techniken Ähnlichkeiten mit dem heutigen Jiu Jitsu aufweisen. Kurz nach dem Jahre 1000 n. Chr. taucht erstmals das Wort YAWARE in der japanischen Literatur auf. Auch hier spricht das Dokument von einer Form des Ringkampfes, ohne sie jedoch in den Einzelheiten zu beschreiben. Auch in einigen anderen Schriftstücken tauchen Hinweise auf waffenlose Kampftechniken auf, so daß es gut denkbar, ja sogar wahrscheinlich ist, daß das uns heute bekannte Jiu Jitsu drei Wurzeln hat, die sich gegenseitig beeinflußten.

Aus vielen Dokumenten geht aber auch hervor, daß die eigentliche Entwicklung des Jiu Jitsu zu den später weit verbreiteten Formen etwa ab der Mitte des 17. Jahrhunderts begann. So gab es zu jenem Zeitpunkt in Japan bereits 725 dokumentierte Schulen für Jiu Jitsu.

In den Folgejahren entwickelte KANO nun aus seinem Jiu Jitsu System unter Weglassung aller gefährlichen Griffe und aller Techniken mit reinem Selbstverteidigungscharakter eine neue Sportart, die er Judo nannte.

1882 gründete er im EISHOJI-TEMPEL in SHITAYA seinen ersten Dojo. 1884 errichtete er in Tokyo den KODOKAN, das künftige Weltzentrum des Judo. Dort wurde das moderne Judo als reiner Mattenkampfsport mit einer starken geistigen und philosophischen Komponente ausgeübt.

NACH OBEN

Jiu Jitsu in Europa

1894 - 1905: Durch verschiedene militärische Ereignisse in Asien (Boxeraufstand in China von 1894 - 1901; russisch-japanischer Krieg, der durch den Überfall auf Port Arthur am 8.9.1904 ausgelöst wurde und mit der Seeschlacht bei Tsch-Shima am 28.5.1905 sein Ende fand) tauchten in der europäischen Presse erstmals Berichte über gefährliche asiatische Nahkampftechniken auf, die dort als Sportart gelehrt wurden. In Europa entwickelte sich die Sportart Jiu Jitsu in den einzelnen Staaten zu unterschiedlichen Zeitpunkten.

Man kann aber davon ausgehen, daß Jiu Jitsu 1892 zum ersten Mal nach Europa kam, und zwar nach England.

TAKASHIMA SHIDACHI, Sekretär der Londoner Bank von Japan trat am 29. April in London an die Öffentlichkeit mit der Yoshin Ryu des Jiu Jitsu. Vorführungen des neuen Sportes erregten anfangs noch Mißtrauen, wurden doch starke Männer durch einen Kunstgriff scheinbar mühelos besiegt. Derartige Kämpfe wurden als Schwindel abgetan; man mutmaßte Schiebungen und Absprachen. Erst durch Herausforderungen großen Stils an starke Leute, Boxer und Ringer, die auf Grund des Imageverlustes im Falle einer Niederlage über jeden Verdacht erhaben waren, konnte das Interesse an Jiu Jitsu geweckt werden.

1899 kam der erst 18jährige YUKIO TANI nach England. Seine große Bekanntheit ver-dankte er zahlreichen Auftritten auf Bühnen und in Musikhallen. Er bot jedermann 25 Pfund an, für jede Minute die man ihm Stand hielt. Diesen Auftritten verdankte er seinen Spitznamen "The Pocket Herkules".

1900: In diesem Jahr kam der 20jährige SADA KAZU UYENISHI aus Osaka nach England. Er war bereits zu diesem Zeitpunkt Instruktor am kaiserlichen Kolleg für Körperbildung an der Polizeischule und an der kaiserlichen Militärakademie. In England wurde UYENISHI Lehrer an der Militärsportschule Adlershot im Südwesten von London. Er eröffnete bald darauf am Londoner Golden Square die erste Jiu Jitsu Schule Europas. Nach kurzer Zeit entstanden an den Universitäten in Cambridge und Oxford Jiu Jitsu Clubs der Polizei.

1904 eröffnete YUKIO TANI in der Oxford Street 305 in London seine "Japanese School of Ju Jitsu". 1909 folgte ihm sein Assistent TARO MIYAKI nach England.

1905: Dr. E. BAELZ kehrt von Japan nach Deutschland zurück und wirbt erstmals für Jiu Jitsu.

1906 kamen zwei japanische Kreuzer zu einem Freundschaftsbesuch nach Kiel und führten dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Jiu Jitsu Techniken vor. Dieser gab daraufhin Anweisung, einen Jiu Jitsu Lehrer (AGITARO ONO) für die Militärturnanstalt Berlin und für die Hauptkadettenanstalt Lichterfelde zu engagieren. Etwa zur gleichen Zeit kamen die Japaner KATSUGUMA HIGASHI, YUKIO TANI, SADA KAZU UYENISHI auch RAKU genannt, und TARO MIYAKI aus England nach Deutschland und lehrten hier Jiu Jitsu.

Der bedeutendste Schüler dieser Japaner war der am 1. Mai 1885 in Berlin geborene ERICH RAHN, der 1906 mit 21 Jahren die erste Jiu Jitsu Schule in Deutschland gründete. Bemerkenswerte Tatsache ist, dass diese Schule noch heute in Berlin, Hohenzollerndamm 111, existiert.

In Dänemark wurde Jiu Jitsu 1906 von den Herren V. FABER und P. L. JACOBSEN eingeführt.

1908: Aus Frankreich wurde der Marineoffizier Le PRIEUR für ein Dolmetschstudium nach Japan entsandt. Er trainierte in Tokyo Jiu Jitsu, fand aber dann in Frankreich keine Trainingspartner.

1909: In Polen hat Jiu Jitsu eine große Bedeutung. Das erste polnische Jiu Jitsu Buch ist in Warschau erschienen, es trug den Titel "Dziu-Dzitsu, die Quelle der Gesundheit, der Kraft und der Gewandtheit". Autor: ZYGMUNT KLOSNIK.

1910 wurde die Berliner Kriminalpolizei durch ERICH RAHN in Jiu Jitsu unterrichtet.

1912: Gründung des ersten Jiu Jitsu Clubs in Österreich im WAC-Heim in Wien, Innere Stadt, Hegelgasse (bis 1926) durch KARL BAUER.

1913 wurde Jiu Jitsu fix an der Militärturnanstalt Berlin, Schornsteinstraße, und der Garderegimenter in Potsdam eingeführt. Den Lehrauftritt führte ERICH RAHN durch.

Der erste Weltkrieg (1914 - 1918) legte alle sportlichen Aktivitäten still.

1918 erfolgte in England die Gründung der Budo-Schule "Budokwai" ("Gesellschaft der Kriegskünste"), auf dem Lower Grosvenor Place 15 in London. YUKIO TANI wurde Chefinstruktor und GUNJI KOIZUMI, der 1906 über Bombay und Liverpool nach London kam, Generalsekretär und Organisator. 1929 übernahm KOIZUMI die Leitung des Budokwai.

1919, nach dem Krieg, setzte ERICH RAHN neue Bemühungen für die Verbreitung von Jiu Jitsu. Jiu Jitsu wurde nun bei uniformierten Polizeiorganen in Berlin und anderen Städten in Deutschland eingeführt. RAHN trat nun auch im Zirkus und in Theatern vieler Großstädte auf und kämpfte gegen jeden, der seine Herausforderung annahm. Unter anderem bezwang er in diesem Jahr im Zirkus Krone den australischen Meister in Jiu Jitsu, ANDREE, dann den deutschen Boxmeister von 1919, Dick Armstrong.

In Österreich eröffnete FRANZ SAGER in Wien Wieden, Brucknerstraße 4, die "Erste Jiu Jitsu Schule Österreichs". Bald jedoch übersiedelte SAGER in die Mariahilferstraße 85, ins heutige Flotten-Kinozentrum.

1921: Ausbildung der Justizbeamten in Gefängnissen und Zuchthäusern in Berlin und München durch ERICH RAHN.

1922: Am 10.10. wurde der erste deutsche Jiu Jitsu Club Frankfurt am Main durch ALFRED RHODE gegründet. Im gleichen Jahr wurden noch der Jiu Jitsu Club Wiesbaden (OTTO SCHMELZEISEN), der 1. Berliner Jiu Jitsu Club, die Jiu Jitsu-Abteilung des Polizei-Sportverbandes Frankfurt am Main und der "Zentralverband deutscher Jiu Jitsu Kämpfer" gegründet. Die erste deutsche Jiu Jitsu Meisterschaft fand im "Berliner Sportpalast" statt. Die Paarung lautete ERICH RAHN gegen REUTER. Sieger wurde ERICH RAHN in der 1. Runde durch eine Beinschere.

In Österreich gründete HEINZ KOWALSKI in Wien-Alsergrund, im Wasagymnasium, seinen "Jiu-Club Wien". KOWALSKI war die Zentralfigur des österreichischen Jiu Jitsu in der Zwischenkriegszeit. Sein Club hatte enormen Zulauf und war nach dem Verein BAUERS (1912) der zweite Jiu Jitsu Club Wiens und Österreichs. Nach der Trennung mit FRANZ SAGER 1924 übersiedelte KOWALSKI in das Brünnlbad, Borschkegasse 4. 1934-38 fand man seinen Club im heutigen Alsergrund.

Bereits ein Jahr vor der Gründung des sozialistischen Sportverbandes ASKÖ (1925) führte KOWALSKI das Jiu Jitsu im Arbeitersport ein und betreute es dann im Rahmen das ASKÖ bis 1928.

1923 erschien das nächste Jiu Jitsu Buch in Warschau. Es umfaßte nur 56 Seiten und war vor allem für die Instrukteure der Armee gedacht. Der Titel: "Nahkampf Jiu Jitsu", von HENRYK JEZIOROWSKI.

In Deutschland wurde die erste Stadtmeisterschaft in Frankfurt am Main ausgetragen. Es nahmen der 1. deutsche Jiu Jitsu Club Frankfurt und die Jiu Jitsu Abteilung des Polizei-sportvereines Frankfurt teil. Sieger war der Polizeisportverein mit 10 : 6.

1924: Unter der Mitwirkung von W. H. GARRUD, BRUCE SUTHERLAND und PERCY BIKKERDIKE erfolgte die Gründung der "British Ju Jitsu Society". 1956 taufte man sie auf "British Ju Jitsu Federation" um und wurde 1968 durch die "British Isles Ju Jitsu Federation" ersetzt. Diese Vereinigung wurde einer der Gründungsverbände der "Europäischen Ju Jitsu Union" (EJJU). In Deutschland gründete man den "Reichsverband für Jiu Jitsu". Erster Vorsitzender war WALTER STREHLOW, Schriftführer RUDOLF KROTKI.

In Wien wurde am 5.12.1924 in der Polizeisportvereinigung die Gründung einer Jiu Jitsu Sektion beschlossen. Leiter: Oberwachmann Josef Diwischek.

1925 kam Jiu Jitsu in das Ausbildungsprogramm der Hochschule für Leibesübungen in Berlin. Den Unterricht erteilte RUDOLF KROTKI. Erstmals erschien eine illustrierte Monatszeitschrift zum Thema Jiu Jitsu. Der Name der Zeitschrift war "JIU JITSU".

In Österreich wurde Jiu Jitsu in den Ausbildungsplan der Wiener Polizei aufgenommen. Mit dem Unterricht wurde der begabte und ehrgeizige Polizeirevierinspektor JOSEF DIWISCHEK betraut. Das Training fand in der Marokkanerkaserne im Bezirk Landstraße statt.

1926: Am 8.2. fand in den Sofiensälen in Wien die Vorstellung der Selbstverteidiungsart Jiu Jitsu und der Kampfsportart Jiu-Do unter der Leitung von Revierinspektor JOSEF DIWISCHEK statt.

1927: Der Arbeiter-Jiu-Jitsu-Klub wurde gebildet und trat dem ASKÖ bei. Mehr als 500 aktive Mitglieder konnten zu Beginn gezählt werden.

1929 kam es zur Gründung des ersten Schweizer Jiu Jitsu Clubs in Zürich. Einer der Mitbegründer war Dr. HANHO RHI. Zu den maßgeblichsten Schülern Dr. RHI'S im eigenen Land zählen vor allem ALFRED BAUMANN und die Brüder ADOLF und ROBERT TOBLER.

1930 waren in Deutschland bereits 110 Jiu Jitsu Vereine registriert, aber auf drei ver-schiedene Verbände aufgeteilt:

Reichsverband für Jiu Jitsu mit 30 Vereinen,
Deutscher Athletik Sportverband mit 60 Jiu Jitsu Abteilungen und
das Arbeiter Sportkartell mit 20 Jiu Jitsu Abteilungen.

Im April nahmen die Universitäten Köln und Hamburg Jiu Jitsu in das Programm der pflichtgemäßen Leibesübungen auf.

1931: Der Rundfunksender Köln Langenberg strahlte einen Selbstverteidiungs-Lehrgang in Boxen und Jiu Jitsu aus. Die Norddeutsche Rundfunk AG mit ihren Sendern Hamburg, Hannover, Bremen, Kiel und Flensburg brachte in der Zeit von April bis Juni einen reinen Jiu Jitsu Lehrgang.

Vom 19. - 26. Juni wurde in Wien die "Erste Arbeiter Olympiade" ausgetragen, wobei Jiu Jitsu olympische Disziplin war. Dabei gewann Österreich 5 von 7 Gewichtsklassen und verwies Deutschland hinter sich auf den zweiten Platz.

Fliegengewicht: 1. Platz: PAPESCH ANTON
Bantamgewicht: 1. Platz: SOBOTKA PAUL
2. Platz: PAPESCH FRANZ
Federgewicht: 1. Platz: NIMFÜHR FRANZ
3. Platz: GOGELA JOSEF
Leichtgewicht: 2. Platz: WUNSCH LEOPOLD
3. Platz: BUCHELE PROSPER
Weltergewicht: 2. Platz: DWORAK WILHELM
Mittelgewicht: 1. Platz: HANNL JOSEF
3. Platz: SINN LUDWIG
Halbschwergewicht:1. Platz: HAUSLEITNER LEOPOLD
3. Platz: KÜHR JOSEF

Im selben Jahr erschien in Warschau hauptsächlich für den Polizeigebrauch das Buch "Prinzipien des Nahkampfes Jiu Jitsu". Autor war CZESLAW STROCZAK.

1933: Eine Schlüsselfigur, nicht nur für das französische Judo, sondern auch für das Jiu Jitsu der Zwischenkriegszeit wurde der 1904 in Rußland geborene Dr. MOSHE FELDENKRAIS (1904-1984). Im September 1933 überreichte FELDENKRAIS dem gerade in Paris weilenden JIGORO KANO ein von ihm verfaßtes Jiu Jitsu Buch. KANO war sehr beeindruckt und schrieb zu diesem Buch das Vorwort. Später sandte er ihm auch Filme aus Japan.

1935: Am 1. Oktober traf MIKINOSUKE KAWAISHI (geboren am 13. August 1899, gestorben am 30. Jänner 1969) in Frankreich ein. KAWAISHI gründete in den Mansarden der Pariser Rue Beaubourgh 62 den "Franko-Japanischen Club". FELDENKRAIS wurde ein Schüler von KAWAISHI.

1936 gründete Dr. FELDENKRAIS den "Jiu Jitsu Club France" in der Rue Thenard 1.

1937 kam zum "Jiu Jitsu Club France" der Verein "Franko-Japanischer Club" dazu und damit begann die Glanzperiode des Jiu Jitsu/Judo in Frankreich.

1938 betrug die Gesamtzahl der Jiu Jitsu Anhänger in Österreich schon etwa 3.500.

1939 wurden bereits 44 einschlägige Lehrbücher in deutscher Sprache gezählt. Hier einige Titel die sich mit Jiu Jitsu befassen:

Yu-Yitsu von Hans Köck um 1900
Dschiu-Dschitsu - Die Quelle japanischer Kraft von Irving Hancock um 1905
Das Kano Jiu Jitsu von Hancock, Higashi um 1906
Illustriertes Österreichisches Sportbuch um 1910
Das Dschiu-Dschitsu, die Selbstverteidigungskunst ohne Waffen von Max Weiß um 1920
Körperkultur und Selbstverteidigung von Erich Stephan um 1922
Kyu Shu von Cafcadio Hearn um 1923
Jiu Jitsu - Ein Lehrbuch für Selbstverteidigung von Hans Reuter um 1923
Die Kunst der Selbstverteidigung nach dem japanischen Dschiu-Dschitsu von Hojo Takuji um 1923
Selbstverteidigung - Die japanische Jiu Jitsu Kampfweise von Erich Stephan um 1925
Jiu Jitsu - Ein Lehrbuch für Selbstverteidigung und sportlichem Kampf von Rudolf Krotki um 1926
Die unsichtbare Waffe Jiu Jitsu von Erich Rahn um 1926
Die deutschen Leibesübungen von Edmund Reuendorff um 1927
Jiu Jitsu und Judo von Josef Diwischek um 1927
Jiu Jitsu - Die waffenlose Selbstverteidigung von Josef Diwischek um 1927
Nahkampfschule von Hermann Feste um 1930
Handbuch des Dschiu-Dschitsu von A. Cherpillod vor 1930
Das große illustrierte Sportbuch vor 1930
Turn- und Sportfibel von Dr. Karl Feige vor 1930
Waffenlos siegen von A. Glucker um 1938
Das Japanische Jiu Jitsu in deutscher Übung von Hans Knorn um 1938
Jiu Jitsu und Judo von Wolfram Werner um 1939
Jiu Jitsu Judo von Hiro Hasegawa vor 1940

1940 gewinnt JOSEF EBETSHUBER in Berlin die deutsche Judo-Einzelmeisterschaft im Federgewicht.

1941 war für die Österreicher ebenfalls erfolgreich, diesmal in Essen. Die Ergebnisse der deutschen Judo-Einzelmeisterschaft für die Österreicher:

Leichtgewicht: 1. Platz: JOSEF EBETSHUBER
2. Platz: RANDL
Halbschwergewicht:1. Platz KÜHR JOSEF

1943: Am 30. Mai organisierte BONET-MAURY die ersten französischen Meisterschaften in Jiu Jitsu in der Salle Wagram, Paris. Es gab 3.000 Zuschauer, darunter einige Regierungsmitglieder.

Im Frühjahr 1943, unter der deutschen Besetzung Dänemarks, begannen einige junge Mitglieder der Widerstandsbewegung unter ihrem Zugführer KNUD JANSON (1921-1988) Jiu Jitsu zu trainieren. Diese Aktivitäten mündeten in die Gründung des "Dansk Jiu Jitsu Forening", des ersten Jiu Jitsu Vereins Skandinaviens. Bald nach seiner Gründung wurde der Verein jedoch wieder geschlossen, da KNUD JANSON und einige seiner Mitarbeiter auf den Fahndungslisten der deutschen Besatzer standen.

Gleich nach Kriegsende wurde der Dansk Jiu Jitsu Forening wieder eröffnet und bald auch umbenannt in den "Nationalen Jujitsu und Judoverband Dänemarks".

1946: Am 5. Dezember kam es zur Gründung der "Französischen Ju Jitsu Ferderation".

1947 wurde das französische Dankollegium gegründet.

1948 begann mit der Rückkehr MIKINOSUKE KAWAISHI aus Japan nach Paris die zweite Glanzperiode des Jiu Jitsu in Frankreich.

1949 besuchte erstmals GUNJI KOIZUMI vom Budokwai/London Dänemark und hielt in Dänemark einen Judo- und Jiu Jitsu Lehrgang ab. Zu diesem Lehrgang hatte KNUD JANSON den schwedischen Lehrer BERTIL MALMSTRÖM eingeladen. Über dessen Person erhielt Judo und Jiu Jitsu nun auch organisatorischen Einzug in Schweden.

1954: ERICH RAHN wird Ehrenpräsident des IJJF.

1956: Gründung des JUVÖ.

1967: Gründung des ÖVGS.

1970: Am 14.11. fand die erste Jiu Jitsu Europameisterschaft in Flensburg/BRD statt. Teilnehmende Nationen waren England, Wales, Irland, Schottland, Dänemark, Niederlande, Bundesrepublik Deutschland und Österreich.

1972: Gründung des JJVÖ.

1995: Gründung des ÖJJB.

 

TEXT MIT FREUNDLICHER GENEHMIGUNG

VON BERNHARD KOVACS

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